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Luzerner Zeitung 11.06.2026 Roman Kühne, Diana Sonja Tobler

Die letzte Note fällt. Die Spannung bricht. Es ist ein tosender Applaus, der sich in den Konzertsaal giesst. Die Cellistin Anastasia Kobekina und die Festival Strings Lucerne schaffen an diesem Mittwochabend eine Stimmung, ja Dichte, wie sie auch im KKL nur selten zu erleben ist.

Die ewige Musik des Atheisten

Das Cellokonzert von Edward Elgar ist aber auch ein verrücktes Stück. Vernichtung und Leid bestimmen 1918 des Komponisten Leben. Der Erste Weltkrieg strebt dem blutigen Finale entgegen. Freunde von ihm – der Bariton Charles Mott, der im Liederzyklus «Fringes of the Fleet» noch die Hauptrolle sang – fallen an der Front.

Elgar selbst hat gerade eine schwere Mandelentzündung überstanden. Mit «einem schwarzen Stein von der Grösse einer Erbse drin», wie seine Frau Alice ins Tagebuch notiert. Sie, die ihn immer begleitet, ist ebenfalls schwer krank.

In dieser Gesinnung schreibt Edward Elgar das Cellokonzert in E-Moll. Sein letztes grosses Werk. 62 Jahre ist er alt. Kurz darauf stirbt seine Frau – und mit ihr jeglicher Inspirationsquell.

Und er, der glaubt, dass es «nichts gibt, als völlige Vergessenheit», knüpft im Cellokonzert einen Seelenteppich, wie ihn in 1500 Jahren klassischer  Musikgeschichte kaum ein Komponist zustande brachte.

Das Cello singt und rotzt

Eine klagende Dichtung, ein lodernder Schmerz – wie geschaffen für die Solistin Anastasia Kobekina. Barfuss kommt sie auf die Bühne, hat eine Art Batik-Pyjama übergeworfen. Frei ist ihr Auftritt, frei ist ihr Spiel. Der erste Ton: ein Aufschrei, gleich wieder in sich zusammenbrechend. Ein Seufzer, den das Orchester still und schmerzhaft zu den Streichern trägt. Und dann bringt sie es, das Feuer. Der Komponist leidet und die Musikerin mit ihm. Ihr Cello singt und rotzt.

Die Ekstase, die Hingabe – es könnte zu viel sein. Doch bei Anastasia Kobekina fliesst alles natürlich seinen dunklen Leidensweg. Immer wieder strebt die Musik nach dem Licht. Doch nie kommt sie an.

Fast magisch, wie die Festival Strings – wie immer ohne Dirigenten – in diesem freien Wogen die Begleitung knüpfen. Als Zugabe spielt sie die Komposition «Galliarda» ihres Vaters Vladimir Kobekin, nur für Cello und Tambourin.